Workshop mit Silke Helfrich „Die Macht der Commons“

Die Menschen sehen die Commons nicht, weil sie nicht wissen was sie sind. […] Wir müssen erst lernen sie zu sehen.

– Michael Bauwens (P2P Foundation)

Am Freitag war Silke Helfrich vom Commons Institut bei uns zu Gast in Mainz. In ihrem Workshop widmeten wir uns zunächst der Frage, was Commons überhaupt sind – eine simple Frage, die aber gar nicht so leicht zu beantworten ist. Nachdem zahlreiche Aspekte, Merkmale und exemplarische Projekte (wie die Solidarische Landwirtschaft, das Mietshäuser Syndikat, Freie Software, Creative Commons Lizenzen etc.) von uns zusammengetragen wurden, war immer noch unklar, was den sehr unterschiedlichen Beispielen gemeinsam ist: Wie lassen sich Commons auf den Begriff bringen? Was fehlte, war ein gemeinsames Vokabular, mit dem wir über Commons reden konnten.

Diese Sprachverlegenheit ist jedoch kein Zufall, wie Silke Helfrich argumentierte. Denn Commons wurden bisher fast ausschließlich durch die Brille des ökonomischen Mainstreams betrachtet. Besonders hervorzuheben ist hier der Text “Tragik der Allmende”, indem Garrett Hardin eine offene Weide beschrieb, bei der die Schäfer*innen ihre Schafe grasen lassen, bis die Weide übernutzt wird. Weil der Mensch – gemeint ist der homo oeconomicus – egoistisch sei, so das Mantra, sei die natürliche Verkehrsform des Menschen Privateigentum, Marktordnung und Staat. Gemeingüter dagegen könnten nicht funktionieren, da die Individuen zu sehr auf ihren eigenen Nutzen bedacht wären. Im strengen Sinne tauchen Gemeingüter in Hardins Beispiel jedoch gar nicht auf, da hier ein ungeregeltes öffentliches Gut beschrieben wird – der Titel “Tragik des unregulierten öffentlichen Gutes” wäre folglich treffender.

Um echte Commons sichtbar zu machen, wird ein Paradigmenwechsel in der politischen und ökonomischen Theorie benötigt, eine andere Brille. Eine wichtige Vertreterin dieses Perspektivwechsels ist Elinor Ostrom. In ihrem Werk “Die Verfassung der Allmende” zeigte sie nicht nur, dass Hardins These auf wissenschaftlichen Vorurteilen beruhte; darüber hinaus legte sie zahlreiche empirische Belege vor, die beweisen, dass Commons unter bestimmten Bedingungen durchaus funktionieren. 2009 erhielt sie als erste (und bis 2019 einzige) Frau den umstrittenen Alfred-Nobel-Gedächtnispreis der Schwedischen Reichsbank.

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Inspiriert durch Elinor Ostrom führt Silke Helfrich diese Arbeit weiter und fragt nach “Mustern” (Christopher Alexander) gelungener Kooperation. Typische Muster für Commons sind beispielsweise die gemeinsame Verwaltung von Ressourcen mit neuen Formen von Gemeineigentum, basisdemokratische Verfahren der Entscheidungsfindung, um selbst gemeinsame Regeln festzulegen, Transparenz und großzügiges Teilen von Wissen, eine bedürfnisorientierte Produktion “jenseits von Markt und Staat”, die Entkopplung von Beitrag und Leistung sowie die Freiwilligkeit der Beiträge und vieles mehr.

Silke Helfrich legt besonderen Wert auf den prozesshaften, weniger statischen Charakter sozialer Praktiken und bevorzugt daher den Begriff des Commoning. Ob wir Dinge als Waren oder als Commons produzieren, hängt nicht davon ab, aus welchem Material wir sie herstellen, sondern davon, was wir damit tun. Frei nach David Graeber: “Wir stehen morgens auf und machen Kapitalismus. Warum machen wir nicht mal was anderes?” Menschen haben die Fähigkeit, durch Kooperation ihre Lebensbedingungen aktiv selbst herzustellen. Silke Helfrichs Arbeiten bieten eine große Werkzeugkiste an, mit einer neuen Sprache, die neue Denkformen eröffnet und so ermöglicht, durch kooperatives Handeln die transformative Kraft der Commons freizusetzen.

Die Präsentationsfolien, die Silke Helfrich am Ende ihres Workshops verwendet hat, finden sich hier. Sie stehen unter der CC-BY-Lizenz.

Commons in action: Wie schaffen wir die sozial-ökologische Transformation?“

Am Freitagabend diskutierten wir im Rahmen einer öffentlichen Fishbowl-Diskussion über die Frage: “Commons in action: Wie schaffen wir die sozial-ökologische Transformation?”

Fishbowl-Methode: Bei dieser Diskussionsmethode gibt es einen inneren Gesprächskreis, der nach den Redebeiträgen der Impulsgeber*innen (3–5 Min.) für alle im Raum geöffnet wird. Wie die Commons setzt auch diese Methode auf Rücksicht, eine wertschätzende Kommunikation, einen Dialog auf Augenhöhe und auf Vertrauen in die Macht der Selbstorganisation .

Anmerkung zur Dokumentation: Ursprünglich war eine Audioaufnahme für die Dokumentation der Diskussion geplant. Krankheitsbedingt konnte dies leider nicht umgesetzt werden. Die folgende Zusammenfassung stützt sich nun auf eine lückenhafte Mitschrift. Die Eingangsstatements der Impulsgeber*innen werden ausführlicher behandelt. Danach wird die Dokumentation nach Diskussionspunkten strukturiert und zusammengefasst. (Es besteht kein Anspruch auf vollständige Wiedergabe der Positionen. Fehlinterpretationen und Missverständnisse können leider nicht ausgeschlossen werden.)Fehlinterpretationen und Missverständnisse können leider nicht ausgeschlossen werden.

Impulsbeiträge für die Diskussion

Impulsgeber*innen für die erste Runde im Gesprächskreis waren:

Silke Helfrich COMMONS-INSTITUT
Thilo Kaster & Ronja Pohl SOLAWI MAINZ
Johannes Kleinmann REAL WORLD ECONOMICS
Reinhard Sczech URSTROM

Bei ihrem Eingangsstatement fragte Silke Helfrich vom Commons Institut: “Was wandelt sich eigentlich, wenn es sich wandelt?” Um diese Frage beantworten zu können, sei es wichtig, Reflexionsräume zu schaffen. Häufig würden Praxis und Theorie gegeneinander ausgespielt. Aber Theorie sei wichtig, um unbewusste Verhaltensweisen hinterfragen und ändern zu können. Mehr noch: Denken und Handeln, Theorie und Praxis seien miteinander verbunden und müssten sich gegenseitig ergänzen.

Thilo Kaster und Ronja Pohl erzählten vom Entstehungsprozess der Solidarischen Landwirtschaft in Mainz. Nachdem man sich mit Interessierten zusammen gesetzt, geplant und überlegt hatte, wie man sich organisieren könnte, entstand ein Betrieb, der allen Mitgliedern gehört und in dem Ernte und Risiko gemeinsam geteilt werden. Mittlerweile gibt es 4 Festangestellte. Der Rest der Arbeit wird ehrenamtlich geleistet. Doch obwohl der Betrieb nach demokratischen Prinzipien selbstverwaltet wird, sei nicht allen Mitgliedern bewusst, dass es auch ihr Betrieb sei. Die SoLaWi setzt sich aus sehr unterschiedlichen Menschen zusammen, bezüglich Stadtteilen, Altersgruppen und politischer Überzeugung. Das Interesse an einer Mitgliedschaft ist groß. Die Beiträge für den Unterhalt der SoLaWi werden in anonymen Bieterrunden gesammelt. Trotz der Herausforderungen des Klimawandels, wie bspw. die Dürre des letzten Sommers, konnten jedoch – u.a. durch samenfeste Sorten und die Vielfalt der Produktpalette – die Folgen in einem erträglich Rahmen gehalten werden. In der SoLaWi werden Höhen und Tiefen gemeinsam gemeistert.

Reinhard Sczech berichtete von der Arbeit der Energiegenossenschaft UrStrom. UrStrom setzt sich für eine “Energiewende von unten” ein, um der Kohleverstromung entgegenzuwirken und die Energieerzeugung in Bürger*innenhand zu überführen. Mittlerweile ist Urstrom mit über 100 Bürgerenergie-Genossenschaften vernetzt und der “Urstrom” kann über die Bürgerwerke bezogen werden. Inspiriert durch die SoLaWi-Idee arbeitet Urstrom momentan am Ausbau eines e-Carsharing Projekts. Ziel ist eine Veränderung des Mobilitätsverhaltens, indem e-Autos in Gemeinschaftseigentum überführt werden. Ein e-Auto soll so mehrere Autos mit Verbrennungsmotoren ersetzen. Der Strom stammt dabei aus erneuerbaren Energien. Gemeinsam mit einem europäischen Genossenschaftsverband soll ein Netzwerk aufgebaut werden, dass durch eine eigene App unterstützt wird, um die Verkehrswende von unten herbeizuführen.

Johannes Kleinmann vom AK Real World Economics stellte das Netzwerk Plurale Ökonomik vor. Der Zusammenschluss aus kritischen Student*innen der Wirtschaftswissenschaften wurde insbesondere nach der Finanzkrise aktiv, um sich für Theorien- und Methodenvielfalt in der ökonomischen Lehre und Forschung einzusetzen. Denn nach wie vor ist der Ausgangspunkt der Wirtschaftswissenschaften die Lehre von der Eigennutzenmaximierung und des “homo oeconomicus”. Alternative Ansätze, wie bspw. gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften, kommen im Mainstream nicht vor oder können nach der Auffassung der herrschenden Lehre nicht dauerhaft funktionieren. Ziel des Netzwerkes ist es, die Ökonomik von innen heraus zu verändern und die Art und Weise zu thematisieren, wie innerhalb der Ökonomik gelehrt und Entscheidungen getroffen werden. Hannah Hartge – ebenfalls vom AK Real World Economics – ergänzte später, dass der Kern des Denkens über Ökonomie solidarisches Wirtschaften sein sollte. Wirtschaft und Ökonomik seien keine getrennten Dinge und die Wirtschaftswissenschaften müssten stärker an die tatsächliche Wirtschaft rückgekoppelt werden.

Offene Diskussion

Über die Anschlussfähigkeit von Alternativen: Ein wichtiges Thema, das während der Diskussion immer wieder auftauchte, war die Frage, wie sich Anschlussfähigkeit für alternative Wirtschaftsformen herstellen ließe. Rückblickend lassen sich sehr grob zwei sich teils widersprechende Strategien identifizieren. Die erste Strategie setzt auf eine Veränderung von Institutionen durch innere Kritik, während die zweite auf den Aufbau von neuen, eigenen Institutionen abhebt. Wie oben beschrieben argumentierte Johannes Kleinmann vom AK Real World Economics für eine Veränderung der Ökonomik von Innen. Silke Helfrich merkte hierzu kritisch an, dass es eher darum gehen müsse, eigene Universitäten und neue Lehrstühle zu etablieren, ohne erst ein gegenwärtiges Standard-Studium zu durchlaufen. O-Ton: “Warum sollen wir uns verbilden, um uns dann umzubilden?” Mit den alten Lehren sei ein Dialog kaum möglich und es sei unproduktiv, mit den Verteter*innen des Mainstreams zu diskutieren. In Bezug auf den Naturschutz wurde argumentiert, dass man durchaus an den Eigennutz appellieren könne, um anschlussfähig zu bleiben. Beispielsweise führe das Aussterben der Fledermäuse zu höheren Ausgaben bei der Bekämpfung von Moskitos und daher hätte die Öffentlichkeit auch ein finanzielles Interesse daran, die Fledermäuse zu schützen. Hierauf wurde erwidert, dass die Gefahr bestünde, nach einer technischen bzw. Marktlösung für das Problem zu suchen, indem man bspw. die Genmanipulation von Moskitos vorantreibt. Von anderer Seite wurde vorgeschlagen, nach und nach neue Ideen und erfolgreiche alternative Projekte vorzustellen und so auf lange Sicht Veränderungen im Bewusstsein zu erzielen. Von der Solidarischen Landwirtschaft wurde berichtet, dass sie aufgrund ihres Konzeptes zwar teils auf Unverständnis treffe und Irritationen verursache, aber das Konzept durchaus auch bei konservativen Menschen anschlussfähig sei. Durch die Arbeit der SoLaWi fände ein langsamer Bewusstseinswandel statt.

Über “Sprachverlegenheiten”: Wie zuvor im Workshop von Silke Helfrich wurde die Sprache als großes Problem bei Veränderungsprozessen gesehen und dies in mehrfacher Hinsicht. Einerseits wurde das Fehlen von Begriffen und Konzepten alternativer Wirtschaftsweisen konstatiert, andererseits sei ein Dialog über Alternativen beim herrschenden Denken über die Wirtschaft nur bedingt anschlussfähig. Was zu fehlen scheint, ist eine gemeinsame Sprache, die hier vermitteln könnte.

Wie können Alternative Konzepte wachsen? Deutlich wurde das “Sprachproblem” auch bei der Frage, wie alternative Wirtschaftsformen wachsen könnten. Konkret wurde der Begriff der “Skalierung” diskutiert. Es wurde argumentiert, dass Konzepte wie die Solidarische Landwirtschaft lokal begrenzt seien und daher keine Lösungen für die gesamte Gesellschaft anbieten könnten. Mit anderen Worten: Sie lassen sich nicht skalieren und funktionieren nur im “Kleinen”. Dem wurde entgegengehalten, dass der Begriff der “Skala” in erster Linie einen Maßstab bezeichnet. Dies impliziert, dass die gesellschaftlichen Prozesse in “Mikro” und “Makro” aufgeteilt werden können und es so etwas wie ein “unten” und “oben” in der Gesellschaft gäbe. Aus dieser Perspektive ließe sich Gesellschaft aber nicht verstehen. Das Problem sei keines der Größenordnung, sondern es stelle sich die Frage, wie man alternative Wirtschaftsformen miteinander vernetzen könnte. Statt zu versuchen, eine lokale Lösung “hoch zu skalieren” in dem Sinne, dass ein Projekt immer weiter vergrößert wird, wäre es sinnvoller, Projekte zu multiplizieren und Verbünde zu schaffen.

Die Eigentums- und Systemfrage stellen! Ein größeres Problem bei der Verbreitung von Alternativen wurde in der Eigentums- bzw. Systemfrage gesehen. Die Welt sei schon aufgeteilt. “Wo ist noch Raum, etwas zu gestalten?” Und: “Wo finden sich die Wesen, die die Zeit und Ressourcen haben, um sich zu engagieren?” Es fehlt an Land für SoLawis. Es fehlt an Wohnraum, an Raum für Freiräume und vieles mehr. Die Besitz- bzw. Eigentumsfrage sei schon geklärt. Gefragt wurde auch, ob innerhalb eines kapitalistischen Systems, indem Wirtschaft als “Monopolyspiel” betrieben wird, überhaupt etwas Neues wie Commons entstehen kann? Zudem wäre es sehr schwer, das System zu verändern. Dies erfordere viele Kompromisse. Aber: “Welche Kompromisse sind noch tragbar? Welche nicht mehr?” Und überhaupt: “Wer verändert hier wen?”

Was bedeutet Wandel konkret für Mainz? Trotz der sehr unterschiedlichen Positionen, die während der Fishbowl-Diskussion vertreten wurden, lassen sich folgende Ansätze für eine Veränderung in Mainz festhalten:

(1) Schaffen von Reflexionsräumen, um die gegenwärtigen Verhältnisse zu reflektieren und Handlungsspielräume auszuloten. O-Ton: “Es ist wichtig, gut zu durchdenken, was wir praktisch machen wollen.” (2) Stellen der Eigentumsfrage: Wie können wir Eigentum anders verwalten und gestalten? Wie können wir Raum (Land, Wohnraum und Freiräume), Wissen und Arbeit der Markt-Staat-Ordnung entziehen? (3) Aufbau eigener Institutionen, um neue Praktiken einzuüben und mit gutem Beispiel voranzugehen. (4) Verbünde schaffen, in denen Projekte, Ideen, Wissen und politische Forderungen vernetzt und gebündelt werden. (5) Kämpfe verbinden: Die Klimafrage, die Wohnungsfrage, die soziale Frage, die Frage der Freiräume u.v.m. sind miteinander verbunden und es gilt, gemeinsame Lösungen zu entwickeln. (6) Druck von unten: Aufbau von basisdemokratischen Strukturen, um mit Druck auf die lokale Politik Alternativen zu stärken.

Mit diesen unterschiedlichen Perspektiven auf gemeinschaftsbasierte Wirtschaftsstrukturen und den Wandel in Mainz kamen wir nicht nur ins Gespräch, sondern konnten auch viele wertvolle Anstöße in den zweiten Teil unserer Aktionstage mitnehmen. Die Workshops, den Ideenpitch und einiges, das davor, dazwischen und danach passiert ist, haben wir für euch auf der nächsten Seite dokumentiert.

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